Kostenartenrechnung: der erste Schritt, der zu oft übersprungen wird
Eine Rechnung, drei Zeilen. Büromaterial 240 €, Beratungshonorar 1.800 €, und irgendwo dazwischen eine Position, bei der niemand so recht weiß, wohin damit. Also landet sie unter „Sonstiges". Drei Monate später wundert sich die Geschäftsführung, warum die Gemeinkosten explodiert sind, obwohl niemand mehr ausgegeben hat.
Genau hier setzt die Kostenartenrechnung an. Sie ist die erste von drei Stufen der Kosten- und Leistungsrechnung und beantwortet eine einzige, aber entscheidende Frage: Welche Kosten sind in welcher Höhe angefallen? Kein Zurechnen auf Abteilungen, kein Verteilen auf Produkte. Erst einmal nur: sortieren und bewerten.
Klingt banal. Ist es aber nicht.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Kostenartenrechnung klärt, welche Kosten in welcher Höhe angefallen sind – mehr nicht, aber das vollständig.
- Sie unterscheidet sich grundlegend von der Kostenstellen- und Kostenträgerrechnung: erst sammeln, dann verteilen, dann zuschlagen.
- Der Unterschied zwischen Aufwand und Kosten ist der häufigste Stolperstein in der Praxis.
- Kalkulatorische Kostenarten (Zinsen, Wagnisse, Abschreibungen) tauchen in keiner Buchhaltung auf – müssen aber trotzdem erfasst werden.
- Wer die Gliederung falsch wählt, zahlt später bei der Zuschlagskalkulation drauf.
- Eine saubere Ergebnistabelle ist die halbe Miete für alles, was danach kommt.
Was die Kostenartenrechnung leistet – und was nicht
Ich habe jahrelang in einem kleinen Handwerksbetrieb mitgebucht, bevor ich mich mit Kostenrechnung überhaupt beschäftigt habe. Der Buchhalter dort hat alles in eine Tabelle geworfen und gehofft. Als ich das erste Mal eine echte Ergebnistabelle gesehen habe, war ich ehrlich gesagt irritiert, wie wenig da drinsteht – und wie viel Arbeit dahintersteckt.
Die Kostenartenrechnung macht genau drei Dinge:
- Sie erfasst alle Kosten, vollständig und überschneidungsfrei.
- Sie gliedert sie nach sinnvollen Kriterien.
- Sie bewertet sie in Geld.
Das war's. Was sie nicht macht: Kosten auf Abteilungen verteilen (das ist Sache der Kostenstellenrechnung) und Kosten auf einzelne Produkte schlagen (Kostenträgerrechnung).
Der Unterschied zwischen Aufwand und Kosten
Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Nicht jeder Aufwand ist eine Kostenposition, und nicht jede Kostenposition steht in der Buchhaltung.
Zwei Kategorien sorgen regelmäßig für Verwirrung:
- Neutrale Aufwendungen: stehen in der Buchhaltung, gehören aber nicht in die Kostenrechnung. Beispiel: eine Spende an das lokale Jugendzentrum. Betrieblich irrelevant.
- Kalkulatorische Kosten: stehen nicht in der Buchhaltung, müssen aber trotzdem angesetzt werden. Dazu gehören kalkulatorische Abschreibungen, kalkulatorische Zinsen, kalkulatorische Wagnisse und der kalkulatorische Unternehmerlohn.
Der kalkulatorische Unternehmerlohn ist so ein Klassiker: In einer GmbH ist das Geschäftsführergehalt eine echte Aufwandsposition. In einem Einzelunternehmen zahlt sich der Inhaber kein Gehalt aus – also fehlt dieser Kostenblock komplett, wenn man nicht aktiv nachhilft. Ergebnis: Die Kosten werden zu niedrig ausgewiesen, die Kalkulation ist zu optimistisch, und am Ende wundert man sich über die mickrige Marge.
Kurz gesagt: Wer Aufwand und Kosten gleichsetzt, rechnet falsch. Immer.
Die Kostenartenrechnung im Schema erklärt
Die klassische Gliederung folgt den betrieblichen Produktionsfaktoren. Das ist kein Dogma, aber es ist der Standard, an dem sich die meisten Systeme orientieren.
| Kostenartengruppe | Beispiele | Herkunft in der Buchhaltung |
|---|---|---|
| Materialkosten | Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe | Materialbuchhaltung |
| Personalkosten | Löhne, Gehälter, Sozialabgaben | Personalbuchhaltung |
| Dienstleistungskosten | Fremdreparaturen, Beratung, Frachten | Finanzbuchhaltung |
| Abschreibungen | bilanzielle und kalkulatorische AfA | Anlagenbuchhaltung |
| Kalkulatorische Kosten | Zinsen, Wagnisse, Unternehmerlohn | keine – müssen ergänzt werden |
Alternative Gliederungskriterien
Die Gliederung nach Produktionsfaktoren ist die bekannteste, aber längst nicht die einzige. Je nach Zielsetzung kann man auch anders sortieren:
- Nach Verbrauchscharakter: Ist die Kostenposition fix oder variabel? Hilfreich bei der Break-Even-Analyse.
- Nach Zurechenbarkeit: Einzelkosten (direkt einem Produkt zuordenbar) versus Gemeinkosten. Diese Unterscheidung ist später bei der Zuschlagskalkulation entscheidend.
- Nach Herkunft: Woher kommt die Kostenposition? Material- oder Personalbuchhaltung zum Beispiel.
In meiner Praxis hat sich eine Kombination bewährt: erst nach Faktoren sortieren, dann innerhalb der Gruppen nach Zurechenbarkeit unterteilen. Klingt nach Mehrarbeit, spart aber später Stunden bei der Kostenstellenrechnung.
Kostenartenrechnung Beispiel: so sieht das in der Praxis aus
Nehmen wir eine Bäckerei mit fünf Filialen. Im Januar kommen folgende Posten zusammen:
- Mehl und Backmittel: 8.400 € (Materialkosten, variabel)
- Löhne Produktion: 18.200 € (Personalkosten, überwiegend fix)
- Strom für die Backstube: 2.100 € (Betriebsstoffe)
- Wartung der Öfen: 640 € (Dienstleistungskosten)
- Kalkulatorische Zinsen auf das eingesetzte Kapital: 950 €
- Kalkulatorische Abschreibung auf die Öfen (Wiederbeschaffungswert statt Buchwert): 1.300 €
- Spende an den Sportverein: 250 € (neutraler Aufwand – fliegt raus)
Der neutrale Aufwand (die Spende) wird aus der Kostenrechnung entfernt. Die kalkulatorischen Positionen werden hinzugefügt. Am Ende steht ein Gesamtkostenblock von 31.590 €, der saubere Grundlage für die weiteren Stufen ist.
Das ist der ganze Zauber. Aber genau hier passieren die Fehler: Entweder wird die Spende mit reingerechnet (Betriebsergebnis verschleiert), oder die kalkulatorischen Kosten werden vergessen (Ergebnis ist zu gut).
Kostenartenrechnung, Kostenstellenrechnung, Kostenträgerrechnung
Die drei Stufen bauen aufeinander auf. Das ist keine alphabetische Reihenfolge, sondern eine logische Kette.
Stufe 1: Kostenartenrechnung
Welche Kosten in welcher Höhe? Ergebnis: ein sortierter Gesamtkostenblock.
Stufe 2: Kostenstellenrechnung
Wo sind die Kosten angefallen? Ergebnis: Kosten pro Abteilung. Der Betriebsabrechnungsbogen (BAB) verteilt die Gemeinkosten auf die Stellen.
Stufe 3: Kostenträgerrechnung
Wofür sind sie angefallen? Ergebnis: Kosten pro Produkt oder Auftrag. Kalkulationsbasis für Preise und Deckungsbeiträge.
Das klassische Beispiel: Ein Betrieb hat 50.000 € Gesamtkosten. Davon sind 20.000 € Einzelkosten und 30.000 € Gemeinkosten. Die Einzelkosten gehen direkt in die Kostenträgerrechnung. Die Gemeinkosten werden über die Kostenstellenrechnung verteilt – sagen wir, die Hälfte auf Fertigung, ein Viertel auf Material, ein Viertel auf Verwaltung. Erst dann können Zuschlagssätze berechnet werden.
Wer die erste Stufe schlampig macht, verzerrt damit automatisch Stufe zwei und drei. Und das fällt oft erst auf, wenn ein Angebot platzt oder eine Abteilung plötzlich viel teurer erscheint als gedacht.
Kostenartenrechnung Formel und Aufgaben
Eine „Formel" im klassischen Sinne gibt es nicht – es ist keine Berechnung, sondern ein Aggregationsprozess. Was es gibt, ist die Grundgleichung der Kostenrechnung:
Gesamtkosten = Summe aller Kostenarten nach Bereinigung um neutrale Aufwendungen und Hinzufügung kalkulatorischer Kosten
Typische Übungsaufgaben laufen immer nach demselben Muster ab:
- Aus einer vorgegebenen Ergebnistabelle die neutralen Aufwendungen identifizieren und herausrechnen.
- Kalkulatorische Kostenpositionen ergänzen, die in der Buchhaltung fehlen.
- Die verbleibenden Kosten nach vorgegebenem Schema sortieren.
- Gesamtkosten berechnen und gegebenenfalls fixe von variablen trennen.
Wer das dreimal durchgerechnet hat, versteht es. Wirklich.
Kostenartenrechnung Ergebnis richtig nutzen
Am Ende steht eine Zahl. Aber die Zahl allein bringt nichts. Interessant wird es beim Vergleich über die Zeit. Eine Bäckerei, die weiß, dass die Materialkosten im Verhältnis zu Personalkosten über drei Jahre von 30:70 auf 35:65 gekippt sind, hat plötzlich einen Anhaltspunkt für Preisverhandlungen mit Lieferanten.
Ich habe einmal miterlebt, wie ein kleiner Betrieb nach Einführung einer ordentlichen Kostenartenrechnung festgestellt hat, dass die kalkulatorischen Abschreibungen nie mitgerechnet worden waren. Die angeblich profitable Maschine hatte, korrekt gerechnet, drei Jahre lang rote Zahlen produziert. Unangenehm. Aber besser spät als nie.
Häufige Fehler, die Sie vermeiden können
- Neutrale Aufwendungen nicht herausrechnen
- Kalkulatorische Kosten vergessen
- Kostenarten doppelt erfassen (unterschiedliche Bezeichnungen für dieselbe Position)
- Fixkosten als variabel behandeln (oder umgekehrt)
- Die Gliederung nach Schema F durchziehen, obwohl der Betrieb andere Informationen braucht
Punkt 3 ist der tückischste. In einem Betrieb, den ich begleitet habe, tauchten „Frachten", „Transportkosten" und „Lieferkosten" als drei separate Positionen auf. Alle drei waren dasselbe. Aufgefallen ist es erst beim Jahresabschluss.
Fazit: ein Fundament, das man nicht überspringen kann
Kosten zu sortieren klingt nach Verwaltungsarbeit. Aber jede Kalkulation, jede Preisfindung, jede Investitionsentscheidung beginnt hier. Wer die erste Stufe überspringt, weil sie langweilig wirkt, zählt später die Rechnung – buchstäblich.
Und die unbequeme Wahrheit: Es gibt keine Abkürzung. Die Daten müssen saubere Konten haben. Wenn die Buchhaltung nicht in der Lage ist, Rohstoffe von Betriebsstoffen zu unterscheiden, hilft auch die schönste Excel-Vorlage nicht weiter.
Die Frage ist also nicht, ob Sie eine Kostenartenrechnung brauchen. Die Frage ist: Wissen Sie gerade wirklich, was Sie im letzten Monat ausgegeben haben?